Laut einer Gallup-Erhebung vom Mai/Juni 2026 stufen 89 % der erwachsenen US-Bürger Korruption in ihrer Regierung als weit verbreitet ein – ein historischer Höchststand seit Beginn der 20-jährigen Messreihe (+10 Prozentpunkte gegenüber 2025). Getrieben wird dieser Sprung primär durch eine massive Zunahme bei Anhängern der Demokraten (91 %, nach 57 % im Jahr 2024) sowie Unabhängigen (90 %), während die Einschätzung unter Republikanern mit 83 % stabil hoch bleibt. Die USA belegen damit erstmals den Spitzenplatz unter allen 38 OECD-Mitgliedsstaaten (OECD-Median: 59 %) und weisen mit einer Differenz von 18 Prozentpunkten die historisch größte Diskrepanz zwischen wahrgenommener Regierungs- (89 %) und Unternehmenskorruption (71 %) auf.
Wichtigste Punkte
Historischer Rekordwert: Mit 89 % erreicht die wahrgenommene Regierungskorruption in den USA ein Allzeithoch und bricht aus dem langjährigen Korridor von 72 % bis 79 % (2010–2025) nach oben aus.
Parteipolitischer Asymmetrie-Trend: Bei den Demokraten stieg die Wahrnehmung von 57 % im letzten Amtsjahr von Joe Biden (2024) über 76 % (2025) auf 91 % (2026); bei Unabhängigen kletterte der Wert um 12 Punkte auf 90 %. Republikaner verharren bei 83 % (87 % im Jahr 2024).
OECD-Spitzenreiter: Während der OECD-Median für wahrgenommene Regierungskorruption von 69 % (2009) auf 59 % (2025) sank, bauten die USA ihren Vorsprung auf über 20 Prozentpunkte Abstand zum Median aus und rangieren vor allen anderen Industriestaaten.
Globaler Vergleich: Von 132 weltweit durch Gallup befragten Staaten übertrafen seit 2023 nur vier Nationen den US-Wert von 89 %: Libanon (92 %, 2024), Peru (92 %, 2025), Ghana (90 %, 2024) und Nigeria (90 %, 2024).
Kluft zwischen Staat und Privatsektor: Wahrgenommene Unternehmenskorruption stieg auf 71 %; die Spanne von 18 Prozentpunkten zur Regierungskorruption übersteigt den historischen Durchschnittsabstand von 11 Punkten (2006–2025) deutlich.
Methodik: Telefonische Zufallsstichprobe von 1.000 Erwachsenen (ab 15 Jahren) im Zeitraum vom 1. Mai bis 10. Juni 2026; Fehlermarge von ±4,1 Prozentpunkten bei einem Konfidenzniveau von 95 % unter Berücksichtigung von Designeffekten.
Diskussions-Highlights
Bestätigung durch Demokratie- und Korruptionsindizes: Kommentatoren untermauern die Gallup-Daten mit Referenzen auf das V-Dem-Institut (Herabstufung der USA von „Liberal Democracy“ zu „Electoral Democracy“ 2025), den EIU Democracy Index (Einstufung als „Flawed Democracy“ seit 2016) und den Corruption Perceptions Index (CPI) von Transparency International, bei dem die USA auf Rang 29 abgerutscht sind.
Systemische Ursachen und Wahlkampffinanzierung: Als institutionelle Triebfedern werden das Urteil Citizens United v. FEC, unregulierte Lobbyarbeit, der Drehtüreffekt zwischen Politik und Wirtschaft sowie legalisierter Insiderhandel von Kongressmitgliedern genannt, deren Behebung durch verfassungsrechtliche Blockaden scheitere.
Offenheit statt Verdeckung: Teilnehmer debattieren, dass Korruption quantitativ und qualitativ beispiellos unverhohlen auftrete; exemplifiziert wird dies an direkter Monetarisierung (exklusiver Truth-Social-Zugang, Krypto-Memecoins), dem Verkauf präsidialer Begnadigungen und unregulierten Zuwendungen an Richter des Supreme Court.
Methodische Schwächen der Fragestellung: Die Umfrage wird dafür kritisiert, dass sie undifferenziert nach „Regierung“ fragt, wodurch Befragte lokale Missstände, Agency-Bürokratie und das Verhalten hochrangiger gewählter Amtsinhaber vermischen.
Parteipolitische Polarisierung und Scheinunabhängigkeit: Diskutiert wird der Umstand, dass sich zwar 45 % der US-Bürger als unabhängig bezeichnen, laut Daten von Pew Research jedoch rund zwei Drittel dieser Gruppe ein klares parteipolitisches Abstimmungsverhalten zeigen und gegenseitige Vorwürfe kollektive Reformen verhindern.
Glossar
OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development): Ein Zusammenschluss von 38 Industriestaaten, die sich gemeinsamen Standards für Marktwirtschaft, Transparenz und Demokratie verpflichten.
Konfidenzniveau: Ein Begriff aus der Inferenzstatistik (hier 95 %), der angibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Intervall der Fehlermarge den wahren Parameter der Grundgesamtheit einschließt.
Designeffekt (Design Effect): Korrekturfaktor in der Stichprobentheorie, der die statistische Varianzverzerrung durch komplexe Stichprobenziehungen (wie Schichtung und demografische Gewichtung) im Vergleich zur einfachen Zufallsstichprobe quantifiziert.
Citizens United v. FEC: Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs der USA von 2010, welches festlegte, dass die Begrenzung unabhängiger politischer Ausgaben von Konzernen und Gewerkschaften gegen die verfassungsrechtliche Redefreiheit verstößt.
V-Dem-Institut (Varieties of Democracy): Ein unabhängiges, globales Forschungsinstitut an der Universität Göteborg zur Messung und Differenzierung von Demokratiemodellen anhand hunderter Einzelindikatoren.
EIU Democracy Index (Economist Intelligence Unit): Eine jährliche Messreihe, die Staaten anhand von 60 Indikatoren in vier Kategorien (von „vollständige Demokratie“ bis „autoritäres Regime“) einteilt.
CPI (Corruption Perceptions Index): Von Transparency International jährlich veröffentlichter Index zur Messung der im öffentlichen Sektor wahrgenommenen Korruption auf einer Skala von 0 (hochgradig korrupt) bis 100 (sehr integer).
Drehtüreffekt (Revolving Door): Der direkte Wechsel von Funktionsträgern zwischen Regierungsämtern, Regulierungsbehörden und der betroffenen Privatwirtschaft zur gegenseitigen Einflussnahme.