Am 24. August 2026 forderte X Corp. per Unterlassungserklärung (Cease and Desist) die dauerhafte Stilllegung des Nitter-Repositorys sowie aller aktiven Instanzen. Nach juristischer Beratung gab der Nitter-Entwickler zedeus über ein GitHub-Commit bekannt, dass das Open-Source-Projekt entgegen der Forderungen fortgeführt wird. Nitter ist ein datenschutzfreundliches, in Nim geschriebenes Twitter/X-Frontend, das Anfragen serverseitig weiterleitet und dadurch IP-Tracking sowie JavaScript-Metriken unterbindet. Die Aktualisierung umfasst angepasste Spendenoptionen, überarbeitete Dokumentationen und den expliziten Ausweis rechtlicher Kontaktstellen.
Wichtigste Punkte
Rechtlicher Status: X Corp. verschickte am 24. August 2026 Cease-and-Desist-Schreiben zur Abschaltung des Projekts; nach rechtlicher Prüfung wird die Entwicklung von Nitter und verbundenen Diensten wie XCancel offiziell fortgesetzt.
Architektur und Datenschutz: Nitter fungiert als Proxy, sodass Clients nicht direkt mit den Servern von X kommunizieren. Es erfordert kein JavaScript, verzichtet vollständig auf Werbung und reduziert die Datengröße pro Seite von ca. 784 KB (Twitter.com) auf rund 60 KB.
Lizenzierung und Restriktionen: Die Software unterliegt der AGPLv3-Lizenz, welche proprietäre Instanzen verbietet. RSS-Feeds bleiben instanzabhängig und werden aufgrund von Missbrauch oft eingeschränkt; die direkte Einbettung von Inhalten (Embeds) wurde aus der aktiven Roadmap entfernt.
Repository-Anpassungen: Das Commit ergänzt Unterstützung für GitHub Sponsors neben bestehenden Wegen (Patreon, Liberapay, Ko-fi, Krypto-Adressen für BTC, ETH, XMR, SOL, ZEC) und benennt legal@poast.org als Ansprechpartner für juristische Anfragen und DMCA-Meldungen.
Diskussions-Highlights
Rechtliche Differenzierung zwischen Code und Hosting: Die Diskussion unterscheidet zwischen dem Open-Source-Repository (rechtlich stark geschützt) und dem Hosting aktiver Instanzen. Da Nitter nach dem Wegfall von Gast-Accounts auf registrierte X-Konten zugreifen muss, drohen Instanzbetreibern Verfahren wegen AGB-Verstößen oder nach dem US-amerikanischen Computer Fraud and Abuse Act (CFAA).
Technische Implementierung und Migrationspläne: Nitter ist derzeit in Nim entwickelt (src/nitter.nim). Der Entwickler plant jedoch aufgrund von Limitierungen der Sprache langfristig einen kompletten Rewrite in Go. Für Anwender werden Browser-Erweiterungen wie Redirector zur automatischen Umleitung von X-Links sowie dezentrale Instanzlisten (z. B. auf Codeberg) empfohlen.
Protokolle und Interoperabilität: Nutzer debattieren Lösungsansätze gegen geschlossene Plattformen, darunter Adversarial Interoperability (zweiseitige Kompatibilität ohne Erlaubnis), das ATProto (Bluesky) zur Entkopplung persönlicher Daten sowie ActivityPub (Mastodon). Es wird gefordert, Großplattformen gesetzlich zu offenen Schnittstellen („Agent First“) zu verpflichten.
Asymmetrie beim Web-Scraping: Es wird scharfe Kritik daran geübt, dass Konzerne wie xAI/X Corp. massenhaft Daten des gesamten Internets für das Training von KI-Modellen scrapen, während sie leichgewichtige Lese-Frontends und Open-Source-Werkzeuge gerichtlich verfolgen.
Glossar
AGPLv3 (GNU Affero General Public License v3): Eine Strong-Copyleft-Softwarelizenz. Sie verpflichtet Entwickler dazu, den Quellcode von Modifikationen auch dann offenzulegen, wenn die Software lediglich als Dienst über ein Netzwerk (SaaS) bereitgestellt wird.
Adversarial Interoperability: Die Fähigkeit eines Produkts oder Dienstes, mit einer bestehenden Plattform zu interagieren, ohne deren Erlaubnis einzuholen (z. B. durch Scraping oder Reverse Engineering).
ATProto (Authenticated Transfer Protocol): Ein von Bluesky entwickeltes, offenes Netzwerkprotokoll für dezentrale soziale Netzwerke, das Nutzern den Wechsel von Anbietern ohne Datenverlust ermöglicht.
CFAA (Computer Fraud and Abuse Act): Ein US-amerikanisches Bundesgesetz gegen Computerkriminalität. Es wird von Unternehmen oft herangezogen, um das automatisierte Auslesen von Daten (Scraping) unter Verweis auf unbefugten Systemzugriff zu verklagen.
Cease and Desist (Unterlassungserklärung): Eine formelle Aufforderung einer Rechtsvertretung an eine Person oder Organisation, eine vermeintlich rechtswidrige Handlung unverzüglich einzustellen, bevor gerichtliche Schritte eingeleitet werden.
DMCA (Digital Millennium Copyright Act): Ein US-Urheberrechtsgesetz, das Online-Dienstanbietern Schutz vor Haftung gewährt, sofern sie auf Benachrichtigung über Urheberrechtsverletzungen hin die betreffenden Inhalte unverzüglich entfernen (Notice-and-Takedown).
Nim: Eine statisch typisierte, kompilierte Programmiersprache, die auf hohe Performance, Effizienz und kompakte Syntax ausgelegt ist.
Proxy / Backend-Routing: Eine Netzwerkarchitektur, bei der ein Zwischenserver Anfragen im Namen des Nutzers ausführt, um dessen eigentliche IP-Adresse und digitale Fingerabdrücke gegenüber der Zielwebseite zu verbergen.