Die idealen Gutachter für dieses Thema wären Verkehrsplaner, Stadtgeographen, Historiker der Technik und Soziologen der Mobilität.
Abstract
Die Präsentation "Die Hauntologie der Mobilitäten" untersucht vergangene und alternative Mobilitätskonzepte, die die Gegenwart beeinflussen oder eine "Gespenst der Vergangenheit" für eine andere mögliche Zukunft darstellen. Die Geographen Nin und Emily Orgy führen das Publikum durch verschiedene Verkehrsmodi – von mikrolokalen bis zu makroregionalen – und analysieren, warum bestimmte Innovationen sich durchgesetzt haben, während andere (oft vielversprechende) scheiterten oder bewusst aufgegeben wurden. Der Fokus liegt auf den Barrieren, die Mobilität verhindern, sei es durch physische Infrastruktur, gesellschaftliche Entscheidungen oder inhärente technische Probleme, und regt zum Nachdenken über alternative Stadt- und Verkehrsplanungen an.
Wichtigste Punkte & Zeitstempel
0:00 Definition der Hauntologie der Mobilitäten: Eine Hauntologie betrachtet Elemente der Vergangenheit oder zukünftige Visionen, die die Wahrnehmung der Gegenwart prägen, im Kontext nicht realisierter oder unterdrückter Mobilitätsformen.
1:34 Hypothetische Szenarien: Die Referenten regen dazu an, zu überlegen, wie die moderne Gesellschaft aussehen würde, wenn diese alternativen Mobilitätsformen dominant geworden wären.
2:00 Mikro-Mobilitätshindernisse: Lokale Mobilität, wie das Fahrradfahren, wird oft durch Infrastrukturbarrieren eingeschränkt, z.B. schlecht geplante Fahrradwege, die unerwartet enden, oder Barrieren, die nur für Fußgänger gedacht sind.
3:41 "Autoland" und Stau: Großräumigere Barrieren zeigen sich in der Dominanz des Autoverkehrs, der oft zu Staus führt, wie ein Beispiel aus Äthiopien zeigt, wo grüne Mittelstreifen die Umfahrung verhindern.
5:40 Vaporetti als Alternative: Vaporetti in Venedig werden als charmante, wenn auch laute und dieselelektrische Boote, die wie Busse funktionieren, als Beispiel für eine alternative städtische Mobilität hervorgehoben.
6:27 Mailänder Straßenbahnen: Die historischen Mailänder Straßenbahnen (Linie 1, gebaut um 1910) mit ihren Holzbänken und dem klappernden Geräusch werden als Beispiel für bewährte, funktionierende urbane Mobilität diskutiert, ungeachtet moderner Zugänglichkeitsstandards.
7:49 Pneumatische U-Bahnen: Die Crystal Palace Linie von 1864 und Alfred Eli Beachs experimentelle pneumatische U-Bahn werden als Beispiele für kuriose, nicht realisierte Transportkonzepte vorgestellt, bei denen Passagiere durch Röhren geschickt werden sollten.
8:46 Verlust des Pacific Electric Systems: Los Angeles besaß in den 1920er Jahren das größte vollständig elektrifizierte Überlandbahnsystem (Pacific Electric), das jedoch in den 1930er Jahren zugunsten eines Autobahnsystems und Busverkehrs aufgegeben wurde, unterstützt durch Lobbyarbeit des Southern California Auto Club mit GM-Finanzierung.
10:09 Schienenzeppelin: Der Schienenzeppelin, ein Experiment von 1929, wurde wegen der Unsicherheit eines großen Propellers nahe der Bahnsteige aufgegeben und stellt eine unrealisierte Hochgeschwindigkeitszugidee dar.
11:15 Transrapid Scheitern: Der Transrapid, eine deutsche Magnetschwebebahn-Technologie, erhielt Milliardenförderungen und internationales Interesse (z.B. Iran), scheiterte jedoch an der Exportgenehmigung durch Kanzlerin Merkel und konnte sich in München nicht durchsetzen; 30 km wurden in China gebaut.
12:07 Grenzmauern als Mobilitätsbarriere: Grenzmauern, wie die an der Grenze zwischen den USA und Mexiko bei Tijuana, werden als physische Barrieren dargestellt, die die natürliche Bewegungsfreiheit über Landschaften hinweg verhindern.
12:54 Ozeandampfer: Historische Ozeandampfer, wie die Titanic oder ihr Schwesterschiff RMS Olympic, werden als sichere Transportmittel ihrer Zeit dargestellt, trotz des Titanic-Unglücks, das auf unzureichende Rettungsboote und einen Seitenaufprall zurückgeführt wird.
15:32 Elektrifizierte US-Eisenbahnen: Das US-Streckennetz hatte einst beeindruckende elektrifizierte transkontinentale Passagierzugsysteme (z.B. der "Olympian" der Milwaukee Road, 1925), die jedoch aufgegeben wurden, als Dieselantrieb wirtschaftlicher wurde, oft umgewandelt in "Rails to Trails".
17:22 Zeppelin-Nachteile: Zeppeline wie die USS Los Angeles zeigten Anfälligkeit für Wind und die Hindenburg-Katastrophe (1937) beendete ihre Ära aufgrund der Wasserstoffnutzung und der Konkurrenz durch Flugzeuge.
18:45 Überschallflüge: Die Concorde und Tupolew Tu-144, obwohl schnell (Atlantik in 3 Stunden), scheiterten an hohen Betriebskosten, Lärm (Überschallknall über Land) und Ineffizienz bei Unterschallgeschwindigkeiten aufgrund ihrer Deltaflügel, was die geringe Nachfrage erklärt.
22:12 Abgrenzung des Schienenzeppelins: Der "Schienenzeppelin" erhielt seinen Namen von seiner aerodynamischen Form und dem großen Propeller, nicht von Heliumfüllung, und gehört zu einer Gattung von Hochgeschwindigkeitszügen mit Jet- oder Turbinenantrieb, die sich aufgrund mangelnder Effizienz und Kapazität nicht durchsetzten.
25:46 Ekranoplan ("Kaspisches Seemonster"): Ekranoplane, sowjetische Bodeneffektfahrzeuge, werden als beeindruckende Mischung aus Boot und Flugzeug beschrieben, die durch viele Triebwerke am Start hochgehoben werden, um den Bodeneffekt nutzen zu können, aber komplex und ineffizient waren.
27:06 Raumfahrt als zukünftige Mobilität: Raumfahrt wird als potenzielles, noch nicht gelöstes Mobilitätsproblem der Zukunft diskutiert, dessen Konzepte (z.B. Weltraumlift) heute noch oft lächerlich erscheinen, aber früher auch für irdische Verkehrsmittel galten.
28:57 Elon Musks "Loop"-Tunnel: Elon Musks Boring Company und der Las Vegas Loop, der Tunnel für Autos baut, werden kritisiert, da die Verkleinerung des Tunnelradius zwar Kosten senkt, aber bei Stau und Brand Sicherheitsrisiken schafft, da Türen sich nicht öffnen könnten und Tesla Model S Brände bekannt waren.
32:50 Fehlentwicklungen in Belgien und Deutschland: Die Metro Léger in Charleroi (Belgien) und nicht fertiggestellte U-Bahn-Projekte in Mannheim und Ludwigshafen (Deutschland) zeigen Beispiele für fehlgeleitete Stadtplanung, bei denen Tramsysteme durch teure, oft unvollendete U-Bahn-Infrastruktur ersetzt oder unnötig unterirdisch verlegt wurden.
34:10 Rückkehr der Straßenbahnen: Viele Städte, die in den 1950er und 60er Jahren ihre Tramsysteme zugunsten des Autoverkehrs abgebaut haben (z.B. Hamburg, London), versuchen heute, sie wieder einzuführen oder auszubauen.
35:39 Wuppertaler Schwebebahn: Die Wuppertaler Schwebebahn wird als eine der wenigen funktionierenden Einschienenbahnen erwähnt, die eine spezifische Herausforderung (Flussüberquerung) gut löst, aber in Bezug auf Weichenstellung komplex ist.
40:15 Autonomer Verkehr und Niveautrennung: Autonomes Fahren erfordert eine strikte Niveautrennung (grade separation), um Kollisionen zu vermeiden, wie in vollautomatischen Metros (z.B. Nürnberg) mit Bahnsteigtüren. Dies ist kein spezifischer Vorteil einer Schwebebahn, sondern ein allgemeines Prinzip für sichere autonome Systeme.
41:16 Definition einer Einschienenbahn (Monorail): Eine Einschienenbahn ist ein Schienenfahrzeug, das auf einer einzelnen Schiene fährt; funktional können auch Systeme wie der Transrapid oder der Aerotrain, bei denen das Fahrzeug eine zentrale Führungsschiene umschließt oder darüber schwebt, als Einschienenbahnen betrachtet werden.
43:24 Translohr als spurgeführter Bus: Der Translohr wird als kein Monorail, sondern als ein spurgeführter Bus beschrieben, der sich im Gegensatz zu einer Einschienenbahn durch eine im Boden eingelassene Führungsschiene leiten lässt und auch ohne diese fahren kann.
44:29 Hovercrafts: Hovercrafts (Luftkissenfahrzeuge) wie der Fährdienst zwischen Frankreich und Großbritannien oder zur Isle of Wight werden als existierende, aber weniger verbreitete Mobilitätsformen genannt.
45:41 Wuppertaler Elefantenunfall: Der berühmte Elefantenunfall der Wuppertaler Schwebebahn von 1950, bei dem ein Zirkuselefant aus dem Zug in die Wupper sprang, wird als lokales Kuriosum und Stolz der Stadt erwähnt.
47:00 Park-and-Ride-Systeme: Park-and-Ride-Systeme, wie in Straßburg oder Stuttgart, die das Parken am Stadtrand mit ÖPNV-Tickets kombinieren, werden als praktikable Lösungen für städtische Mobilitätsprobleme vorgestellt.
48:30 Fehlende Brücken und regionale Schienennetze: Die Sperrung einer Rheinbrücke bei Mannheim und Ludwigshafen veranschaulicht Mobilitätsengpässe. Regionale Schienennetze (Schmalspurbahnen), wie sie früher in Europa weit verbreitet waren, werden als potenzielle Lösungen genannt, die jedoch Zeit und Investitionen erfordern.
50:47 Skalierbare Mobilitätslösungen: Es gibt keine "Eine-Größe-passt-für-alle"-Lösung für Mobilität; verschiedene Lösungen sind auf unterschiedlichen Skalen (lokal, regional) erforderlich, um Menschen vom Auto wegzubewegen.
Glossar
Hauntologie: Ein philosophisches Konzept, das sich mit der Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart befasst, oft in Form von ungelösten Problemen, unerfüllten Versprechen oder alternativen Zukünften, die nie eingetreten sind.
Draisine (Laufrad): Ein frühes, pedalloses Zweirad, das durch Abstoßen mit den Füßen angetrieben wurde und als Vorläufer des modernen Fahrrads gilt.
Autoland: Ein umgangssprachlicher Begriff, der eine Stadt- oder Verkehrsplanung beschreibt, die primär auf die Bedürfnisse des Automobilverkehrs zugeschnitten ist, oft auf Kosten anderer Verkehrsträger.
Vaporetti: Motorboote, die in Venedig als öffentliche Verkehrsmittel (Wasserbusse) auf den Kanälen verkehren.
Rohrpost (pneumatische U-Bahn): Ein Transportsystem, bei dem Personen oder Güter in Kapseln oder Wagen durch ein Röhrensystem mittels Druckluft befördert werden. Historische Konzepte sahen dies auch für den Personentransport vor.
Pacific Electric Railway: Ein ehemaliges, umfangreiches elektrisches Interurban-Eisenbahnnetz im südlichen Kalifornien, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts existierte und später zugunsten von Straßen und Bussen demontiert wurde.
Schienenzeppelin: Ein experimenteller propellergetriebener Schienenwagen, der 1929 in Deutschland gebaut wurde und hohe Geschwindigkeiten erreichte, aber aufgrund von Sicherheitsbeden und mangelnder Praxistauglichkeit nicht in Serie ging.
Transrapid: Ein Magnetschwebebahn-System, das in Deutschland entwickelt wurde. Es verwendet elektromagnetische Kräfte zum Schweben und Antreiben des Zuges und ermöglicht sehr hohe Geschwindigkeiten, wurde aber nur in Shanghai kommerziell eingesetzt.
Rails to Trails (Schienen-zu-Wegen-Umwandlung): Ein Konzept, bei dem stillgelegte Eisenbahnstrecken in Rad- oder Wanderwege umgewandelt werden, um die ehemalige Infrastruktur für neue Zwecke zu nutzen.
Ekranoplan (Kaspisches Seemonster): Ein Bodeneffektfahrzeug, das hauptsächlich in der Sowjetunion entwickelt wurde. Es fliegt in geringer Höhe über Wasser oder ebenem Gelände und nutzt den Bodeneffekt, um effizienter zu sein als ein herkömmliches Flugzeug, ist aber keine echte Flugzeug- oder Schiffskategorie.
Deltaflügel: Eine dreieckige Flügelform, die bei Überschallflugzeugen wie der Concorde verwendet wird, um bei hohen Geschwindigkeiten gute aerodynamische Eigenschaften zu erzielen, aber bei Unterschallgeschwindigkeiten weniger effizient ist.
The Boring Company / Las Vegas Loop: Ein Tunnelbauunternehmen von Elon Musk, das kostengünstige Tunnel für den Autotransport unter Städten entwickelt hat, wie den Las Vegas Loop, der jedoch wegen Sicherheitsbeden bei Notfällen kritisiert wird.
Metro Léger (Charleroi): Ein teils fertiggestelltes, teils aufgegebenes Stadtbahnsystem in Charleroi, Belgien, das ursprünglich eine vollwertige U-Bahn werden sollte, aber unvollendet blieb und heute teils oberirdisch, teils unterirdisch verkehrt.
Wuppertaler Schwebebahn: Eine einzigartige aufgeständerte Einschienenbahn in Wuppertal, Deutschland, bei der die Züge unter der Schiene hängen und hauptsächlich über dem Fluss Wupper verkehren.
Niveautrennung (Grade Separation): Die vollständige Trennung verschiedener Verkehrsträger auf unterschiedlichen Höhenniveaus (z.B. Brücken oder Tunnel für Straßen und Eisenbahnen), um Kreuzungskonflikte und Kollisionen zu vermeiden.
Einschienenbahn (Monorail): Ein Schienentransportsystem, bei dem die Fahrzeuge auf einer einzigen Schiene oder einem einzelnen Trägerbalken fahren oder daran aufgehängt sind, im Gegensatz zu herkömmlichen zweigleisigen Eisenbahnen.
Translohr: Ein spurgeführter Bus (manchmal als "trackless tram" bezeichnet), der eine zentrale Führungsschiene im Straßenbelag für die Spurhaltung nutzt, aber ansonsten wie ein Bus auf Gummireifen fährt und nicht an ein Schienennetz gebunden ist.
Park-and-Ride (P+R): Ein Verkehrskonzept, bei dem Autofahrer ihr Fahrzeug am Stadtrand auf speziellen Parkplätzen abstellen und ihre Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortsetzen, oft mit kombinierten Tickets.
Schmalspur / Normalspur: Unterschiedliche Spurweiten von Eisenbahnschienen. Schmalspur ist schmaler als die in vielen Ländern übliche Normalspur (1.435 mm) und wird oft für lokale oder regionale Bahnen verwendet.