Dieser Dokumentarfilm aus dem Jahr 1992 beleuchtet den historischen Wandel der Drucktechnik vom handschriftlichen Buch über Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern bis hin zum digitalen Zeitalter (Desktop Publishing). Im Zentrum steht die Schließung und Demontage des traditionsreichen VEB Typoart (der früheren Gießerei Ludwig Wagner) im Nachwende-Leipzig. Der Schriftgießer Hubert Krause und sein Kollege Georg Wiesner retten in letzter Sekunde historische Gießmaschinen, Matrizen und Werkzeuge vor dem Schrott und bringen sie in das Druckhaus Andersen Nexö, um das jahrhundertealte, stark gefährdete handwerkliche Wissen der Schriftgießerei zu dokumentieren und für die Nachwelt zu sichern.
Wichtigste Punkte & Zeitstempel
0:01 Historischer Ursprung: Johannes Gutenberg begründet 1455 mit dem Druck der 42-zeiligen lateinischen Bibel und wiederverwendbaren Bleiletern eine revolutionäre Technologie, die jahrhundertelang die Buchproduktion prägte.
3:45 Industriearchäologie in Leipzig: Im Herbst 1992 besucht der langjährige Schriftgießer Hubert Krause das abgerissene Gelände des VEB Typoart (ehemals Ludwig Wagner), wo ein ganzer Industriezweig abgewickelt wird.
6:10 Rettung des Bestands: Dank eines Münchner Schriftfachmanns konnten Krause und Georg Wiesner Andruckpressen, Holzwinkelhaken, Tausende Schriftmatrizen und Gießmaschinen in den dritten Stock des Druckhauses Andersen Nexö evakuieren.
9:06 Traditionelle Legierung: Der Gießprozess stützt sich auf historische Rezepturen aus Eisen, Antimon und flüssigem Blei, demonstriert am klassischen Handgießinstrument und der Küstermann-Gießmaschine.
11:33 Gutenbergs Geheimnis: Im Gegensatz zu modernen 100 Zeichen nutzte Gutenberg 290 verschiedene Zeichen und Ligaturen, die ein ästhetisch unerreichtes, gleichmäßiges Satzbild ohne künstlich auseinandergezogene Wortzwischenräume ermöglichten.
13:40 Wiederinbetriebnahme der Maschine: Nach anderthalb Jahren Stillstand wird die historische Küstermann-Gießmaschine (Typ 2) auf eine Betriebstemperatur von ca. 380–400 °C aufgeheizt, um Testgüsse durchzuführen.
19:02 Präzise Qualitätskontrolle: Die gefertigten Bleilettern werden im Mikrometerbereich auf Dikte (Buchstabenbreite), genormte Schrifthöhe und den Schriftgrad (Kegel) mittels Typometer und Justiernadel geprüft.
24:06 Strukturwandel und Verlust: Der Niedergang von Plagwitz und VEB Typoart vernichtet nicht nur Arbeitsplätze, sondern droht auch das über Jahrzehnte erworbene, unersetzliche handwerkliche Erfahrungswissen (Augenmaß und Fingerfertigkeit) auszulöschen.
27:31 Zukunftsperspektive Museum: Geplant ist eine Werk- und Begegnungsstätte in den Räumen der Leipziger Offizin Haag-Drugulin als lebendiges Museum, um das kulturelle Erbe der Schriftgießerei für die Zukunft zu bewahren.
Glossar
Bleilette: Ein einzelner, gegossener Metallbuchstabe (aus einer Blei-Antimon-Zinn-Legierung) im traditionellen Bleisatz, der für den Buchdruck zusammengestellt und wiederverwendet wird.
Dikte: Die horizontale Breite eines Bleibuchstabens inklusive der seitlichen Vor- und Nachabstände, welche je nach Zeichen (z. B. breites „M“ im Vergleich zu schmalem „I“) variiert.
DTP (Desktop Publishing): Die elektronische Erstellung von Dokumenten inklusive Layout und Satz am Computer, die den traditionellen Handsatz und Bleisatz im späten 20. Jahrhundert weitgehend verdrängte.
Kupfermater (Matrize): Eine in Kupfer oder Messing geprägte Form mit dem vertieften Schriftbild, die als Boden der Gießform beim Bleiguss dient und das seitenverkehrte Zeichen prägt.
Ligatur: Eine optische und drucktechnische Verbindung aus zwei oder mehreren Buchstaben (z. B. „ch“ oder „ff“), um den Zeichenabstand harmonisch zu optimieren.
Schrifthöhe: Die genormte vertikale Höhe einer Bleilette (in Europa historisch meist 23,56 mm), die absolut präzise eingehalten werden muss, um ein ungleichmäßiges Druckbild oder das Durchstoßen des Papiers zu verhindern.
Schriftgrad (Kegel): Die vertikale Gesamtgröße des Bleikegels, auf dem das eigentliche Schriftbild sitzt, gemessen in typografischen Punkten oder Cicero.
Typometer: Ein traditionelles Messinstrument der Typografie (oft ein feingeteiltes Lineal) zur Bestimmung von Schriftgraden, Zeilenabständen und Maßen im Satzwesen.
VEB Typoart: Ein bedeutender volkseigener Betrieb in der DDR mit Sitz in Leipzig, der Schriften gestaltete, goss und international vertrieb, hervorgegangen aus traditionsreichen Firmen wie der Gießerei Ludwig Wagner.