Geeignete Prüfgruppe: Eine Fachgruppe aus Ethnologen, Industriearchäologen, Keramiktechnologen und Experten für materielles Kulturerbe.
Abstract
Diese Dokumentation analysiert die traditionellen Herstellungsverfahren der Tonpfeifenbäckerei in der Werkstatt von Lothar Heim in Hilgert (Kannenbäckerland, Westerwald) – dem letzten verbliebenen handwerklichen Betrieb der Region. Die systematische Abhandlung dokumentiert den vollständigen Fertigungsprozess historischer Tonpfeifen und Keramikfiguren von der Rohstoffaufbereitung bis zum Thermoprozess.
Der Prozess beginnt mit der Nassaufbereitung von eisenarmem, plastischem „Wasserton“ in Untertage-Troganlagen (Ätka) und dessen mechanischer Verdichtung im Tonschneider sowie in kolbengetriebenen Rollenmaschinen. Je nach Stiellänge erfolgt die Formgebung entweder über hebelbetriebene Gussmetallpressen oder über manuelles Freihandrollen (Rollen) mit anschließendem Einformen im Schraubstock (Kasten). Besondere Arbeitsgänge umfassen das Einziehen von Stabilisierungsdrähten gegen Verzug, das Entgraten (Putzen), das Porenschließen mittels Trockenreibung (Glattmachen mit dem Artstein) sowie komplexe mehrteilige Formverfahren für Gesteckpfeifen (Jacobs-Pfeifen) und akustische Kuckucksflöten. Der Prozess schließt mit dem Garbrand im Pfeifenofen bei ca. 950 °C ab.
Wichtigste Punkte & Zeitstempel
0:34 Regionales Zentrum Hilgert: Hilgert fungierte seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Hauptort der Tonpfeifenbäckerei im Kannenbäckerland neben Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach.
1:05 Niedergang und Letzter Betrieb: Ein drastischer Nachfragerückgang führte zum Schließen fast aller Werkstätten; der Betrieb von Lothar Heim unterhält den letzten aktiv genutzten Pfeifenofen von ehemals 60 Öfen im Ort.
2:08 Materialanforderung und Aufbereitung: Zum Einsatz kommt feiner, plastischer, hellgrauer Wasserton aus regionalem Tagebau. Er wird im gemauerten Trog (Ätka) Stunden vorab eingeweicht und durch wiederholtes Umschichten homogenisiert.
5:25 Mischen und Tonschneider-Passage: Der eingeweichte Ton wird mit Recycling-Material (Schubsen) vermengt und über gegenläufige Eisenwalzen im Tonschneider zu dichten Tonwalzen komprimiert.
7:02 Strangpressen der Tonrollen: Eine kolbengetriebene Rollenmaschine presst die Masse durch ein Sieb und eine 12-Loch-Schablone, wodurch pro Hub 12 gleichmäßige Tonstränge entstehen (ca. 60 Stränge pro Tonwalze).
9:50 Vorbereitung und Ölung: Die Tonstränge werden per Draht in Abschnitte (Kurze Rollen) getrennt und in eine Ölwanne gefüllt, um das Festkleben des Tons in den Metallformen zu verhindern.
11:07 Maschinelles Pressen kurzer Pfeifen: Zweiteilige Metallformen in Hebelpressen formen Kurzpfeifen (z. B. Nikolauspfeifen) aus. Formdrähte und Stopfer bilden den Stielkanal und den Pfeifenkopf aus.
12:41 Entgraten und Ausrichten: Nach 24 Stunden Trocknung entfernen Arbeiterinnen die Formnähte (Putzen), führen Biegeschutzdrähte in die Stiele ein und bündeln die Pfeifen zu Einheiten von 15 Stück.
16:01 Manuelles Handrollen langer Stiele: Stiele über 20 cm Länge werden freihändig auf dem Rollbrett vorgeformt; erfahrene Rollreinnen fertigen über 200 Einheiten pro Stunde.
18:51 Das Einformen im Kasten: Beim Kasten wird der Stiel mit dem Waier-Draht durchstochen, in die Metallform eingelegt, im Schraubstock eingespannt und die Kopfaushöhlung per Handstopfer gepresst.
22:46 Oberflächenverdichtung durch Glattmachen: Vollständig getrocknete Rohlinge werden mit einem Artstein abgetrieben. Der feine Abriebstaub verschließt die Poren und erzeugt eine glänzende Oberfläche.
24:00 Sonderfertigungen und Wallfahrtspfeifen: Herstellung von Relief-Wallfahrtspfeifen (z. B. Kevelaer), vierteilig geformten Jacobs-Pfeifen (Gesteckpfeifen) sowie historischen Tonfiguren.
33:23 Mechanismus der Kuckucksflöten: Präzises Verschließen des Hohlraumbodens und Einstechen von drei funktionellen Tonlöchern mit geölten Spezialmessern zur Erzeugung des charakteristischen Kuckucksrufs.
35:31 Brennvorgang: Thermische Endverarbeitung aller getrockneten Tonwaren bei ca. 950 °C im traditionellen Pfeifenofen.
Glossar
Ätka: Gemauerter Backsteintrog im Kellergewölbe zum mehrstündigen Sumpfen (Einweichen) des rohen Tons.
Artstein: Spezieller Formstein mit Griff zur Oberflächenverdichtung (Glattmachen) getrockneter Pfeifenköpfe.
Aufdreiholz: Konisches Holzwerkzeug zum Nachformen und Abrunden der runden Pfeifenkopföffnung.
Ausladen (Auslegerbrett): Holzbrett zur geordneten Ablage und Zwischenlagerung der noch feuchten Pfeifenrohlinge.
Flattern: Flache, in Formen gepresste Tonrosetten oder Sterne, die traditionell als Zielscheiben für Schießbuden dienten.
Gesteckpfeife: Pfeifentypus, bei dem nur der Kopf aus Ton besteht und ein separates Holz- oder Hornrohr aufgesteckt wird.
Jacobs-Pfeife: Figürlich gestalteter Gesteckpfeifenkopf (meist ein Orientalkopf mit Bart und Turban), der in vierteiligen Klappformen hergestellt wird.
Kasten (Kasten-Verfahren): Manuelles Einformverfahren unter Einsatz eines Schraubstocks (Kasten) zur Fertigung langstieliger Pfeifen.
Kuckucksfigur: Aus Ton gepresste Hohlfigur mit Schneidenöffnung, die beim Hineinblasen einen zweitönigen Kuckucksruf erzeugt.
Kurze Rollen: Auf genaue Maßlänge geschnittene Tonstücke, deren Volumen exakt der Materialmenge einer einzelnen Pfeife entspricht.
Putzen: Manuelles Abschneiden und Verstreichen überstehender Formnähte an leicht angetrockneten Tonrohlingen.
Rollbrett: Flaches Holzbrett, mit dem die Tonstränge für langstielige Pfeifen gleichmäßig auf Maß gerollt werden.
Rollenmaschine: Mechanische Kolbenpresse zur Erzeugung dünner, gleichmäßiger Tonstränge durch eine Schablone.
Schenker: Hakenförmig gebogenes Metallwerkzeug zum Säubern und Entgraten der Stielnähte nach dem Kasten.
Schubsen: Tonabfälle und Schnittreste, die bei der Ausformung anfallen und dem Aufbereitungsprozess wieder zugeführt werden.
Stopfer: Metallischer Stempel, der die innere Aushöhlung des Pfeifenkopfes in der Form auspresst.
Tonpfeifenbäckerei: Das historische Handwerk der Herstellung von Tonpfeifen inklusive der Keramikbrenntechnik.
Tonschneider: Mühlenaggregat mit gegenläufigen Schnittwalzen zur Entlüftung und Kompression der Rohmasse.
Waier-Draht: Biegesteifer Metalldraht mit Holzgriff zum präzisen axialen Durchstechen des Pfeifenstiels.
Wasserton: Extrem feiner, eisenarmer Töpferton, der beim Brennen seine charakteristische weiße Farbe erhält.