Archäologen haben die ersten zwei intakten Gräber in Göbeklitepe in der Türkei entdeckt, die aus der präkeramischen Neolithikum-B-Periode (8.700–8.000 v. Chr.) stammen. Diese Funde erklären das jahrzehntelange Rätsel hunderter verstreuter menschlicher Knochenfragmente auf dem 3.000 Quadratmeter großen Areal. Die Ergebnisse legen nahe, dass es sich bei den losen Fragmenten überwiegend um gewöhnliche Unterflurbestattungen handelt, die durch Hangerosion und Bodenbewegung im Laufe der Jahrtausende talabwärts in die monumentalen Gebäude gespült wurden. Dennoch belegen bestimmte Schädel mit tiefen Schnittspuren weiterhin die Existenz separter, gezielter Totenrituale.
Wichtigste Punkte
Erstmalige intakte Bestattungen: Entdeckung von zwei ungestörten Grabstätten in den Gräben DR1 und L09-65, datiert auf 8.700 bis 8.000 v. Chr.
Erster Grabkontext: Ein Grab unter einem rechteckigen, verputzten Gebäude enthielt die sterblichen Reste von mindestens drei Personen (eine Frau über 35, ein Mann zwischen 20 und 30, ein Mädchen im Alter von 11 bis 14 Jahren). Schädel lagen separat von Knochenclustern, was auf eine vollständige Einbettung kompletter Körper oder Gliedmaßen hindeutet.
Zweiter Grabkontext: Ein junger Erwachsener (wahrscheinlich eine Frau im Alter von 20 bis 30 Jahren) lag in hockender Position auf der linken Seite mit Blick nach Osten.
Tafonomische Prozesse: Kalkablagerungen und Bodendruck verursachten erhebliche Risse und Knochenbrüche, was exakt dem Fragmentierungsgrad der 928 im restlichen Areal geborgenen losen Knochenfragmente entspricht.
Erosionshypothese: Die Verteilung von 408 Schädelfragmenten gegenüber 283 Skelettfragmenten stützt die Theorie, dass Bestattungen unter Fußböden in höheren Siedlungsbereichen stattfanden und Erosionsprozesse die Gebeine in die Monumentalbauten verfrachteten.
Veröffentlichung: Die Studie von J. Gresky und L. Clare erschien im September 2026 im Fachjournal PloS One (DOI: 10.1371/journal.pone.0358979).
Diskussions-Highlights
Infragestellung linearer Gesellschaftstheorien: Mehrere Kommentatoren verweisen darauf, dass Fundorte wie Göbeklitepe, Poverty Point und Cahokia die These von David Graeber und David Wengrow (The Dawn of Everything) stützen, wonach komplexe, urbane Gesellschaften auch ohne Landwirtschaft existierten und eine enorme Vielfalt sozialer Strukturen von egalitär bis hierarchisch aufwiesen.
Widerlegung von Menschenopfern: Diskutanten begrüßen die neuen Funde als Entkräftung früherer Spekulationen über ritualisierte Menschenopfer oder exzessive Gewalt im Zentrum der Anlage.
Kritik an Graeber: Es gibt kritische Gegenstimmen, die Graebers Methodik und Angriffe auf die sozioökonomische Entwicklung als uninformiert oder populistisch bewerten, wobei historische Wirtschaftsformen (Tempelwirtschaft vs. Palastwirtschaft) oft zyklisch und nicht linear verliefen.
Vergleich gängiger Bestattungspraktiken: Nutzer diskutieren die weite Verbreitung von Unterflurbestattungen im Neolithikum als universelle Praxis, um Zersetzungsprozesse zu verbergen, Raubtiere fernzuhalten und Seuchen sowie die Verbreitung von Krankheitserregern einzudämmen.
Forensische Aspekte: Mehrere Kommentatoren erwähnen, dass Bestattungen durch organische Düngung das Pflanzenwachstum anregen, was forensische Teams modern und historisch zur Lokalisierung von Gräbern nutzen.