Diese Dokumentation analysiert den handwerklichen Fertigungsprozess eines elf Meter langen, formverleimten Vierer-Ruder-Gigs auf der Celler Bootswerft durch die Bootsbaumeister Helmut Rehberg und Ingo Rothermund. Der Bauvorgang repräsentiert eine der letzten traditionellen Konstruktionen dieser Art im Holzbootsbau.
Der Rumpf entsteht aus vier millimeterdünnen Mahagoni-Furnierlagen (0,6 mm Stärke), die in definierter Ausrichtung (quer, doppelt-diagonal und längs zum Kiel) über einen Formblock gelegt, mit Epoxidharz getränkt und unter Vakuumdruck ausgehärtet werden. Der resultierende, 2,5 mm starke Rumpf wiegt vor dem Ausbau lediglich 35 kg. Nach dem Abnehmen von der Helling erfolgt die strukturelle Integration mittels Laser- und Schnurausrichtung (Visier-Peilung zur Festlegung der Helix-Scherlinie). Die Versteifung der Zelle gegen Torsionskräfte basiert auf 14 Querträgern, bündig eingelassenen Meranti-Diagonalleisten sowie 20 maßgefertigten Halbspanten, deren Winkel mittels Schmiege individuell an die Rumpfkurvatur angepasst werden. Die elf Meter langen Waschborde werden aus Abachi-Planken über präzise Schäftungen zusammengesetzt. Den strukturellen Abschluss bilden der mittels Schulkreide-Passprobe eingepasste Massivholz-Vorsteven, der Achtersteven sowie der gelochte Außenkiel. Das fertige Boot wiegt 80 kg und ist für eine Traglast von 600 kg ausgelegt.
Wichtigste Punkte & Zeitstempel
0:00 Furnier-Rohmaterial: Verwendung von unter 1 mm starken Mahagoni-Furnieren als primärer Werkstoff für den Bau eines elf Meter langen Ruder-Gigs.
1:15 Traditionelle Bauweise: Die Bootsbaumeister Helmut Rehberg und Ingo Rothermund dokumentieren die Konstruktion eines vermutlich letzten formverleimten Holzboots seiner Klasse.
1:56 Dreilagige Furnierschichtung: Ausrichten der 0,6 mm starken Mahagoni-Furniere; die erste Lage verläuft quer zum Kiel, gefolgt von zwei entgegengesetzt diagonalen Lagen zur Unterdrückung von Materialverzug.
5:02 Vakuumpressverfahren: Verklebung der Quer-, Diagonal- und Längslagen mit Epoxidharz unter Folien-Vakuum; die Aushärtung erfolgt innerhalb von 12 Stunden.
6:11 Rumpfentnahme und Ausrichtung: Der 35 kg schwere und 2,5 mm starke Rumpf wird von der Bauform gelöst und per Laser präzise auf der Bauhelling fixiert.
7:01 Höhenanriss und Schnurschießen: Einmessen des geschwungenen Deckverlaufs (Helix) über die gesamte Rumpflänge von 11 Metern mittels Richtschnur, Kreide und Zielpeilung.
9:10 Bergholz-Montage: Zuschnitt des Überstands mit Schrubb- und Rauhbankhobel sowie Verklebung des Meranti-Gondelstreifens unter Einsatz von ca. 100 Schraubzwingen.
10:39 Installation der Querträger: Ausrichten von 14 Querträgern zur Aufnahme der Sitzlasten und Stabilisierung der Rumpfbreite für bis zu 600 kg Zuladung.
12:34 Torsionsaussteifung durch Diagonalleisten: Einpassen versenkter Meranti-Diagonalleisten an den Ruderplätzen unter Nutzung einer Japan-Säge und maßgefertigter Tiefenanschläge.
14:40 Spantenanpassung: Individuelles Einpassen von 20 Halbspanten unter winkelgenauer Berücksichtigung der Schmiege zur Rumpfwand.
16:41 Herstellung der Waschborde: Schäftung vier Meter langer Abachi-Holzbretter über extrem flache Winkel zur Fertigung zweier durchgehender, elf Meter langer Waschborde.
19:34 Verklebung der Halbspanten & Waschborde: Fixierung der durchnummerierten Spanten und der Waschborde mit Epoxidharz unter Verwendung von rund 200 Zwingen.
23:48 Anpassung von Vor- und Achtersteven: Hobeln einer 32 mm breiten Abflachung am Kiel sowie Einpassen der Massivholz-Steven mittels Schabhobel und Schulkreide-Passprobe.
26:26 Außenkiel und Handversiegelung: Anbringen des in 40-cm-Intervallen vorgebohrten Außenkiels, Versiegelung der Bohrungen mit Holzdübeln und 15-stündiges manuelles Schleifen der Außenhaut.
28:16 Fertigstellung und Spezifikationen: Montage der Rollsitze und Endlackierung; das Fertiggewicht des Bootes beträgt 80 kg bei einer kalkulierten Lebensdauer von über 30 Jahren.
Glossar
Abachi-Holz: Ein sehr leichtes, weiches und verzugsfestes afrikanisches Laubholz mit geringer Dichte, das im Bootsbau bevorzugt für lange, gering belastete Aufbauten wie Waschborde eingesetzt wird.
Achtersteven: Das massive Bauteil am Heck des Bootes, das den Rumpf nach hinten abschließt und die Verlängerung des Kiels bildet.
Bergholz (Gondelstreifen): Eine außen auf den Rumpf aufgesetzte, längslaufende Hartholzleiste, die als Scheuerleiste dient und dem Rumpf zusätzliche Längssteifigkeit verleiht.
Epoxidharz: Ein zweikomponentiger, wasserfester Kunstharzklebstoff mit hoher Festigkeit und Formbeständigkeit zur dauerhaften Holzverklebung.
Formverleimung: Fertigungsverfahren, bei dem mehrere Furnierlagen unter Zugabe von Bindemitteln über eine dreidimensionale Bauform (Formblock) gelegt und ausgehärtet werden.
Halbspant: Ein rechtwinklig zum Kiel verlaufendes Rippenelement, das nur über eine Rumpfhälfte reicht und zur Queraussteifung dient.
Helix (Bootsbau): Der ästhetisch geschwungene, dreidimensionale Verlauf der Oberkante der Bordwand von Bug bis Heck.
Kunz-Hobel: Ein kleiner, hochpräziser Metallhandhobel zur Feineinstellung kleiner Holzradien und Kanten.
Meranti: Ein festes, dichtes und witterungsbeständiges tropisches Hartholz, das im Bootsbau für stark beanspruchte Leisten und Verstärkungen genutzt wird.
Querträger (Cross Bearing): Querverlaufende Holzverstrebungen im Innenraum des Rumpfes, welche die Ausleger- und Sitzkräfte der Ruderer aufnehmen.
Schabhobel (Schiffshobel): Ein Hobel mit sehr kurzer Sohle, der das Bearbeiten stark geschwungener oder konkaver Radien ermöglicht.
Schäftung: Das schräge, flächenvergrößernde Hobeln der Enden zweier Holzleisten, um diese durch Verklebung stoßfrei und ohne Festigkeitsverlust zu verlängern.
Schmiege: Der winkelige Begrenzungswinkel bzw. die winkelige Abweichung zwischen der Hochachse eines Spants und der geneigten Außenwand des Rumpfes.
Schnurschießen: Ein traditionelles optisches Messverfahren im Holzbootsbau, bei dem eine mit Kreide präparierte Richtschnur über Zielpunkte gespannt und auf das Holz geschnallt wird, um eine exakte Schnittlinie zu markieren.
Torsionssteifigkeit: Der Widerstand der Rumpfstruktur gegen Verdrehungskräfte, die durch ungleiche Wellenbelastung oder Ruderkräfte entstehen.
Vierer-Gig: Ein breiter gebautes, formstabiles Wanderruderboot für vier Ruderer und einen Steuerfrau/-mann.
Vorsteven: Das massive Holzbauteil am Bug, das den Rumpf nach vorne abschließt und das Schneiden des Wassers ermöglicht.
Waschbord (Gunwale): Die obere, seitliche Bordwandverlängerung eines Ruderboots, die das Eintreten von Spritzwasser verhindert.