Der Text dokumentiert das im Jahr 1981 kurz vor der Stilllegung stehende Traditionsunternehmen „Mechanische Jute- und Segeltuchweberei Blanke“ in Heinsberg (gegründet 1861). Als eine der letzten Textilfabriken am Niederrhein veranschaulicht der Betrieb exemplarisch die Produktionsabläufe der heimischen Textilindustrie von der Industriellen Revolution bis zum Zweiten Weltkrieg. Im Mittelpunkt stehen die Energieversorgung durch eine historische Dampfmaschine von 1901, die mechanische Kraftübertragung via Transmissionen sowie die manuellen und maschinellen Prozessschritte der Textilfertigung: von der Kettenscherung, dem Schlichten mit Kartoffelstärke, dem Webvorgang auf Webstühlen aus der Zeit um 1900, der Spulerei und der Qualitätsprüfung in der Warenschau bis hin zur Kalandrierung und Sacknäherei.
Wichtigste Punkte & Zeitstempel
0:32 Historie und Standort: Die Jute- und Segeltuchweberei Blanke wurde 1861 von Peter Walter Blanke in Heinsberg gegründet und repräsentiert 1981 das Ende der traditionsreichen Leinen- und Juteindustrie am Niederrhein.
1:55 Energieversorgung: Der Betrieb benötigt monatlich 30 Tonnen Kohle. Die Energie wird in Dampfkesseln – darunter ein historischer Doppel-Flammrohrkessel der Firma Pütz von 1885 sowie ein jüngeres Modell – erzeugt und von einer horizontalen Dampfmaschine mit Bajonettrahmen der Firma A. Raky (Rheydt) aus dem Jahr 1901 in Bewegungsenergie umgewandelt.
4:45 Transmissionstechnik: Die Kraftübertragung auf die Webstühle, Werkstätten (Schmiede, Schreinerei) und den Generator erfolgt über ein komplexes unter den Hallendecken verlaufendes System aus Riemenscheiben, Transmissionsriemen, eisernen Achsen und Metallrädern.
13:07 Kettenscherung: Hildegard Königs bereitet die Kette für den Webstuhl vor. Auf einer schermaschine werden 2.540 Fäden aus 212 Spulen (Rohstoffbezug aus Belgien, Frankreich und Irland) parallel auf eine Schertrommel gewickelt, um eine Kettenbreite von 1,55 Metern zu erzielen.
23:18 Schlichten: Das Garn wird an einer älteren Schlichtvorrichtung aus den 1920er Jahren durch eine heiße Kartoffelstärkemasse geführt. Dies erhöht die Reißfestigkeit und Glätte des Garns für die mechanische Beanspruchung beim Weben.
25:09 Mechanische Weberei: Die Webstühle in der großen Halle stammen aus der Zeit um 1900. Ein Weber bedient gleichzeitig 4 bis 6 mechanische Webstühle, die das Prinzip des Handwebstuhls automatisieren (Einsatz von Schäften, automatischem Schiffchen und Lade).
26:44 Spulerei: Auf Spulautomaten aus den 1950er Jahren werden die Spinnereigarne vollautomatisch auf 12 Schussspulen gleichzeitig umgespult, um einen kontinuierlichen Vorrat für die Schiffchen bereitzustellen.
30:49 Warenschau: In der von Arbeiterinnen besetzten Warenschau wird das fertige Jute- und Leindegewebe manuell über große Schrägtische gezogen, um mit Pinzetten und Nadeln Webfehler und Verschmutzungen zu korrigieren.
31:48 Kalandrierung und Sacknäherei: Eine große Kalendermaschine glättet das Jutetour mit dampfbeheizten Walzen. Abschließend werden in der integrierten Näherei Jutesäcke (z. B. für Schweißpulver) genäht, mit Kunststoff-Innensäcken versehen und bedruckt.
Glossar
Dampfmaschine: Eine Wärmekraftmaschine, die den Druck von heißem Wasserdampf in mechanische Arbeit (Rotationsenergie über ein Schwungrad) umwandelt.
Transmission / Transmissionsriemen: Ein mechanisches Antriebssystem aus Wellen, Zahnrädern und Riemen, das die Kraft einer zentralen Energiequelle (hier der Dampfmaschine) auf entfernt stehende Arbeitsmaschinen verteilt.
Flammrohrkessel: Ein historischer Dampfkesseltyp, bei dem die heißen Rauchgase der Feuerung durch ein oder zwei Flammrohre im Inneren des mit Wasser gefüllten Kessels geleitet werden, um Dampf zu erzeugen.
Kette (Kettfäden): Die Gesamtheit der längs verlaufenden Fäden in einem Gewebe, die auf dem Webstuhl gespannt und abgewickelt werden.
Schären: Der vorbereitende Arbeitsprozess in der Weberei, bei dem die Kettfäden in vorgeschriebener Länge, Dichte und Anzahl parallel auf eine große Trommel aufgewickelt werden.
Schlichten: Das Imprägnieren der Kettfäden mit einer Klebemasse (traditionell Mehl oder Stärke, hier Kartoffelstärke), um die Fäden zu glätten, zu verfestigen und vor dem Reißen beim Weben zu schützen.
Schiffchen (Schütz): Ein schiffchenförmiges Werkzeug im Webstuhl, das den Schussfaden quer durch das geöffnete Fach der Kettfäden transportiert.
Schäfte: Vertikal bewegliche Rahmen im Webstuhl, an deren Litzen die Kettfäden hängen; sie heben und senken sich abwechselnd, um den Durchgang für das Schussgarn zu öffnen.
Warenschau: Die Qualitätskontrolle von Textilbahnen, bei der gelieferte oder gewebte Stoffe manuell auf Mängel wie Webfehler, Dickstellen oder Verschmutzungen untersucht und ausgebessert werden.
Kalendermaschine (Kalander): Eine Maschine aus mehreren schweren, teils beheizten Walzen, durch die Textilien geführt werden, um sie zu glätten, zu verdichten oder zu imprägnieren.