Dieses Dokument enthält die heimlich aufgezeichneten und transkribierten Gespräche von zehn führenden deutschen Atomphysikern (darunter Werner Heisenberg, Otto Hahn, Carl Friedrich von Weizsäcker und Walther Gerlach) im britischen Internierungslager Farm Hall am 6. und 7. August 1945. Die Wissenschaftler waren dort im Rahmen der „Operation Epsilon“ interniert worden, nachdem sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von den Westalliierten gefangen genommen worden waren. Das Kern- und Wendethema der Gespräche ist die unmittelbare, schockierte Reaktion der Physiker auf die Nachricht, dass die Vereinigten Staaten eine Atombombe auf Hiroshima abgeworfen hatten. Die Dokumente beleuchten die anfängliche Ungläubigkeit der Forscher, ihre psychologischen Reaktionen (insbesondere den tiefen Selbstvorwurf von Otto Hahn), die technischen und organisatorischen Gründe für das Scheitern des eigenen deutschen Uranprojekts sowie die geopolitischen Überlegungen der Wissenschaftler zur Zukunft Deutschlands im entstehenden Kalten Krieg.
Wichtigste Punkte
Nachricht von Hiroshima: Am 6. August 1945 erfuhren die in Farm Hall inhaftierten deutschen Physiker durch eine BBC-Meldung vom Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima, was sie völlig fassungslos machte und ihre bisherigen Annahmen über den Vorsprung der deutschen Forschung widerlegte.
Otto Hahns psychischer Zusammenbruch: Otto Hahn war nach der Nachricht tief erschüttert, fühlte sich persönlich für den Tod Hunderttausender verantwortlich, da seine Entdeckung der Kernspaltung (1938) die Waffe ermöglicht hatte, und erwog kurzzeitig den Suizid, ehe er durch Alkohol beruhigt wurde.
Initiale Skepsis und Propaganda-Verdacht: Die Wissenschaftler hielten die Nachricht zunächst für einen Bluff der Alliierten, um die Japaner zur Kapitulation zu zwingen, oder gingen von astronomischen Kosten und gigantischem Ressourceneinsatz aus.
Fehlende Ressourcen und Infrastruktur: Die Physiker erkannten, dass das deutsche Uranprojekt im Vergleich zum US-amerikanischen Manhattan-Projekt (an dem schätzungsweise 180.000 Menschen arbeiteten) an unzureichenden Mitteln, dem Mangel an Massenspektrografen zur Isotopentrennung und dem späten Beginn staatlicher Großförderung (erst ab Frühjahr 1942) gescheitert war.
Die Motivdebatte (Moral vs. technisches Unvermögen): Es entbrannte ein interner Streit über das Ausbleiben der deutschen Bombe: Während von Weizsäcker argumentierte, die Physiker hätten die Waffe aus moralischen Prinzipien nicht gewollt und das Projekt daher nicht ernsthaft betrieben, widersprachen andere (wie Bagge und Diebner) vehement und machten technische Inkompetenz, fehlende Zusammenarbeit und mangelnden staatlichen Willen verantwortlich.
Walther Gerlachs Zusammenbruch: Der Leiter des Uranvereins Walther Gerlach zog sich nach der Nachricht schluchzend in sein Zimmer zurück und fürchtete, in der Heimat als Kriegsverbrecher oder Saboteur angefeindet zu werden, da er das Projekt zur Rettung der deutschen Physik übernommen hatte.
Geopolitische Neuausrichtung: Die Wissenschaftler diskutierten intensiv die Nachkriegsordnung und kamen zu dem pragmatischen Konsens, dass eine Kooperation mit den Westalliierten (Anglo-Saxons) notwendig sei, um Europa als Block zu stärken und dem Einfluss der Sowjetunion unter Josef Stalin zu begegnen.
Historische Rechtfertigung: In ihren Gesprächen formulierten die Physiker das Narrativ, dass Deutschland unter Hitler zwar eine friedliche Uranmaschine (Reaktor), aber keine unmoralische Atombombe entwickelt habe, wodurch die moralische Last des Einsatzes komplett bei den Alliierten liege.
Glossar
Farm Hall: Ein englisches Landgut in Godmanchester, auf dem zehn führende deutsche Kernphysiker von Juli 1945 bis Januar 1946 vom britischen Geheimdienst interniert und in ihren Gesprächen heimlich abgehört wurden (Operation Epsilon).
Uranprojekt (Uranverein): Das geheime deutsche Forschungsprogramm während des Zweiten Weltkriegs (ab 1939) zur Erforschung der militärischen und zivilen Nutzung der Kernspaltung.
Kernspaltung: Die 1938 von Otto Hahn und Fritz Strassmann (unter theoretischer Mitarbeit von Lise Meitner) entdeckte Spaltung von Uran-Atomkernen durch Neutronenbeschuss, bei der enorme Mengen Bindungsenergie freigesetzt werden.
Isotopentrennung: Das technisch extrem komplexe und energieintensive Verfahren zur Anreicherung des spaltbaren Uran-Isotops Uran-235 aus natürlichem Uran, da Natururan zu über 99% aus dem nicht direkt für Bomben geeigneten Uran-238 besteht.
Manhattan-Projekt: Das von den Vereinigten Staaten (unter Beteiligung Großbritanniens und Kanadas) im Zweiten Weltkrieg durchgeführte, streng geheim gehaltene Forschungsprogramm zur Entwicklung und zum Bau der ersten Atombomben.
Massenspektrograf: Ein analytisches Messinstrument zur Trennung von Ionen nach ihrem Masse-Ladungs-Verhältnis; im Kontext des Atomprogramms wurde es als potenzielles (jedoch für den industriellen Großmaßstab ungeeignetes) Gerät zur Isotopentrennung diskutiert.
Schwere Wasser (Deuteriumoxid): Wasser, das anstelle von normalem Wasserstoff das schwere Wasserstoffisotop Deuterium enthält; es wurde im deutschen Uranprojekt als Moderator (Bremsmittel für Neutronen) in Versuchsreaktoren („Uranmaschine“) eingesetzt.
Operation Epsilon: Der Codename der britisch-amerikanischen Geheimdienstoperation zur Überwachung und Enttarnung des Stands der deutschen Nuklearforschung durch die Inhaftierung der Spitzenphysiker in Farm Hall.