Der Offene-Zugang-Aktivist Cosmo Wenman führte einen achtjährigen Rechtsstreit gegen das Musée Rodin und das französische Kulturministerium, um die Herausgabe öffentlich finanzierter 3D-Scans von Rodins gemeinfreien Skulpturen nach dem Informationsfreiheitsgesetz zu erzwingen. Obwohl das zuständige Pariser Verwaltungsgericht 2023 zugunsten der Kläger entschied und die Scans als administrative Dokumente einstufte, hob der Conseil d’État (Frankreichs oberstes Verwaltungsgericht) dieses Urteil im Dezember 2025 auf. Das Gericht begründete dies mit der konstruierten Rechtsauffassung, dass 3D-Scans physischen Reproduktionen gleichzusetzen und keine Verwaltungsdokumente seien, womit es die Geheimhaltungspraxis der Museumsverwaltung juristisch deckte.
Wichtigste Punkte
Achtjähriger Rechtsstreit: Der Aktivist Cosmo Wenman forderte ab 2017 öffentlich zugängliche 3D-Punktwolken-Scans weltbekannter Rodin-Skulpturen (Le Penseur, La Porte de l'Enfer, Les Trois Ombres, Le Baiser) vom Musée Rodin an.
Zivilgesellschaftliche Koalition: Zu den offiziellen Co-Klägern im Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Paris zählten die Organisationen Communia, Wikimédia France und La Quadrature du Net, juristisch vertreten durch den Pariser Anwalt Alexis Fitzjean Ó Cobhthaigh.
Behörden- und Gerichtserfolge: Die französische Informationsfreiheitsbehörde (CADA) und das Verwaltungsgericht Paris (Dezember 2023) gaben den Klägern vollumfänglich recht; das Gericht verurteilte das Museum zur Herausgabe der Scans sowie zur Zahlung von 1.500 € Schadensersatz, was vom Museum schlicht ignoriert wurde.
Widersprüchliche Verteidigungstaktik: Das Musée Rodin brachte im Verfahren abwegige Argumente vor – von angeblicher technischer Unbedienbarkeit und unzureichender Qualität der Punktwolken bis hin zu absurden Risiken wie Fälschungen, gewerblicher Konkurrenz und Urheberrechtsverletzungen.
Urteil des Conseil d’État: Frankreichs oberstes Verwaltungsgericht urteilte am 24. Dezember 2025, dass 3D-Scans rechtlich physischen Reproduktionen entsprechen, nicht unter das Informationsfreiheitsgesetz fallen und verpflichtete Wenman zur Zahlung von 3.000 € an das Museum.
Diskussions-Highlights
Kommerzielle und ideologische Motive: Kommentatoren analysieren, dass das Museum primär sein exklusives Monopol auf Originalreproduktionen und den elitären Status als Gatekeeper schützen will, auch wenn direkte Geschenkladen-Einnahmen aus Scans nachweislich gering sind (wie ähnliche Fälle bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zeigten).
Technische Entwertung des Monopols: Mehrere Teilnehmer betonen, dass moderne Endgeräte (wie iPhones) und Open-Source-Technologien (wie Photogrammetrie und Gaussian Splatting) hochpräzise 3D-Scans von Rodins zahlreichen weltweiten Bronze-Kopien (mindestens 23 Exemplare von Der Denker existieren global, u.a. in San Francisco und Stanford) ohnehin für jedermann zugänglich machen.
Kritik am französischen Justizsystem: Die Hacker-News-Community übt scharfe Kritik an der institutionellen Arroganz und der parteiischen Realitätsverweigerung des Conseil d’État, dem eine willkürliche Rechtsbeugung zugunsten staatlicher Institutionen vorgeworfen wird.
Globales Phänomen der Intransparenz: Diskussionsteilnehmer verweisen darauf, dass der beharrliche bürokratische Widerstand gegen Informationsfreiheitsanfragen (FOI) ein universelles Problem öffentlicher Körperschaften ist, die Akteneinsicht als Bedrohung ihrer Autonomie empfinden.
Glossar
3D-Punktwolken (Point Clouds): Eine strukturierte Menge von Datenpunkten in einem dreidimensionalen Koordinatensystem, die von Laserscannern erzeugt werden, um die Oberflächengeometrie physischer Objekte hochpräzise zu digitalisieren.
CADA (Commission d'accès aux documents administratifs): Die französische Behörde zur Prüfung von Anträgen auf Zugang zu administrativen Dokumenten, die im Vorfeld zugunsten des Klägers entschied.
Conseil d’État: Das oberste französische Verwaltungsgericht, das im vorliegenden Fall in letzter Instanz entschied und die Herausgabe der Scans verweigerte.
Gaussian Splatting: Ein modernes computergrafisches Verfahren, mit dem aus zweidimensionalen Fotografien fotorealistische, dreidimensionale Szenen und Objekte in Echtzeit rekonstruiert werden können.
Informationsfreiheitsgesetz (FOI): Gesetzliche Regelung, die Bürgern das Recht auf Einsicht in amtliche und administrative Dokumente von staatlichen Stellen und öffentlichen Institutionen gewährt.
Moralische Rechte (Droit Moral): Urheberrechtliche Schutzrechte, die das Werk und die Integrität des Künstlers über dessen Tod hinaus schützen (in Frankreich unbegrenzt gültig), vom Museum im Prozess zweckentfremdet angeführt.
Rapporteur public: Ein rechtlicher Analyst und Berichterstatter an französischen Verwaltungsgerichten, der die Rechtslage prüft und dem Gericht einen Entscheidungsvorschlag unterbreitet.