In dieser Sonderfolge des Podcasts Immune (aufgezeichnet im April 2026 auf der Jahrestagung der American Association of Immunologists - AAI in Boston) interviewt Cindy Li die Immunologin Dr. Carla Rothlin, Professorin und Inhaberin des Anderson-Lehrstuhls an der University of Minnesota Medical School sowie Empfängerin des AAI Mid-Career Achievement Award 2026. Das Gespräch beleuchtet Rothlins wissenschaftlichen Werdegang von Buenos Aires über ihre Postdoc-Zeit am Salk Institute bis hin zu ihren bahnbrechenden Entdeckungen über TAM-Rezeptoren (Tyro3, Axl, MerTK) als immunologische Bremsen des angeborenen Immunsystems. Zudem werden wissenschaftliche Strenge, die Korrektur historischer Knockout-Maus-Phänotypen durch genetische Parallaxe und die Entstehung der globalen Open-Access-Seminarreihe Global Immuno Talks diskutiert.
Wichtigste Punkte & Zeitstempel
0:00 AAI-Konferenz 2026: Cindy Li interviewt Dr. Carla Rothlin von der University of Minnesota, Empfängerin des AAI Mid-Career Achievement Award 2026 in Boston.
2:40 Akademischer Hintergrund: Rothlin wuchs in Buenos Aires in einer Wissenschaftlerfamilie auf, studierte Biochemie und Pharmazie an der Universidad de Buenos Aires und promovierte in Neuropharmakologie über das Innenohr unter Belén Elgoyhen.
3:43 Übergang zur Immunologie: Wechsel 2002 als Postdoc ins Labor von Greg Lemke ans Salk Institute, wo sie die Klonierung und Funktion von TAM-Rezeptor-Tyrosinkinasen (Tyro3, Axl, MerTK) erforschte.
8:49 Kollaboratives Labormodell: Langjährige gemeinsame Leitung des Forschungslabors mit Sourav Ghosh, der Experte für Signaltransduktion ist.
10:48 TAM-Rezeptoren als Immunbremsen: TAM-Rezeptoren fungieren als molekulare „Bremsen“ des angeborenen Immunsystems (Innate Immune Response), regulieren Entzündungen herunter und erkennen Gewebeschäden, vergleichbar mit Checkpoint-Inhibitoren wie PD-1 oder CTLA-4.
14:43 MerTK-Knockout-Studien: Untersuchung von MerTK mittels Gen-Knockout-Mausmodellen; Aufdeckung von stark überschießenden Entzündungsreaktionen bei Funktionsverlust.
18:28 Evolution wissenschaftlicher Tools: Entdeckung, dass der historische Seh-Phänotyp (Blindheit) alter MerTK-Knockout-Mausmodelle (auf 129-Stamm-Hintergrund) durch das Fehlen des paralogen Gens Tyro3 verursacht wurde, was durch moderne kongenische Modelle korrigiert wurde.
28:44 Gründung der Global Immuno Talks: Initiiert im März 2020 gemeinsam mit Elena Zuniga als wöchentliche Open-Access-Online-Seminaranwendung während der COVID-19-Pandemie, die inzwischen über 800.000 Aufrufe verzeichnet.
Diskussions-Highlights
Wissenschaftliche Strenge und Reproduzierbarkeit: Die Diskussion betont die absolute Priorität von wissenschaftlicher Sorgfalt gegenüber Publikationsdruck. Forscher müssen bereit sein, etablierte Lehrmeinungen und historische Tiermodelle im Lichte neuer, präziserer Technologien (wie CRISPR) kritisch zu hinterfragen und zu korrigieren.
Mentoring und Fehlerkultur: Hervorgehoben wird die Rolle geduldiger Mentoren (wie Belén Elgoyhen), die Nachwuchswissenschaftler durch das gezielte Zulassen und Verarbeiten von Fehlern (z. B. fehlende Kontrollen) zu rigiden Forschern ausbilden.
Effizientes Zeitmanagement in der Forschung: Zeit wird als unwiederbringliche Ressource definiert; die bewusste Priorisierung von Projekten und die Verfolgung wissenschaftlicher Wahrheit hat Vorrang vor quantitativer Veröffentlichungsmasse.
Glossar
AAI (American Association of Immunologists): Die amerikanische Fachgesellschaft für Immunologie, die jährliche Konferenzen abhält und Spitzenforschung auszeichnet.
TAM-Rezeptoren: Eine Familie von drei Rezeptor-Tyrosinkinasen (Tyro3, Axl, MerTK), die als negative Regulatoren (Bremsen) des angeborenen Immunsystems fungieren und Gewebeschäden erkennen.
Rezeptor-Tyrosinkinase: Ein proteinvermittelter Zellrezeptor an der Zelloberfläche, der bei Aktivierung durch chemische Modifikation (Phosphorylierung von Tyrosin-Resten) Signalwege im Zellinneren steuert.
Angeborenes Immunsystem (Innate Immune Response): Die schnelle, unspezifische erste Verteidigungslinie des Körpers gegen Krankheitserreger.
Adaptives Immunsystem (Adaptive Immune Response): Die spätere, antigenspezifische Immunantwort (über T- und B-Zellen), die ein langlebiges immunologisches Gedächtnis aufbaut.
Paralog: Ein Gen, das durch eine Genverdopplung innerhalb eines Genoms entstanden ist und oft ähnliche, aber spezialisierte Funktionen übernimmt (z. B. Tyro3 und MerTK).
Knockout-Mausmodell: Eine genetisch modifizierte Maus, bei der ein spezifisches Gen gezielt ausgeschaltet (deaktiviert) wurde, um dessen Funktion im Organismus zu untersuchen.
ITIMs (Immunoreceptor Tyrosine-based Inhibitory Motifs): Aminosäuresequenzen im intrazellulären Teil von Rezeptoren, die hemmende (inhibitorische) Signale an das Immunsystem übermitteln.
PD-1 / CTLA-4: Bekannte Immun-Checkpoints (Rezeptoren) auf T-Zellen, die als Kontrollpunkte der adaptiven Immunität dienen, um überschießende Reaktionen zu verhindern.
CRISPR: Eine molekularbiologische Geneditiermethode („Genscheren-Technologie“), mit der DNA präzise geschnitten oder verändert werden kann.
Kongenischer Stamm: Ein genetisch einheitlicher Tierstamm, der sich von einem anderen Stamm nur durch einen sehr kleinen, definierten Genabschnitt unterscheidet.
Retinale Pigmentepithelzellen (RPE): Spezialisierte Zellen in der Netzhaut des Auges, die u.a. verbrauchte Bestandteile von Photorezeptoren abbauen und Phagozytose betreiben.