Dieser Vortrag von Jasha und Annik vom Netzwerk Polylux analysiert die politischen Folgen der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, bei denen die AfD rund 43,8 % der Stimmen errang. Die Referenten beleuchten die strukturellen Bedrohungen für Zivilgesellschaft, Minderheiten und demokratische Institutionen im ländlichen Raum Ostdeutschlands. Sie erläutern die Arbeit des 2019 gegründeten Netzwerks, das durch Fördermitgliedschaften (über 3.000 Mitglieder) finanzielle und strukturelle Unterstützung für progressive und antifaschistische Projekte leistet. Zudem werden strategische Handlungsempfehlungen – wie das Halten von Räumen, das Sichern von Basisinfrastrukturen und der Widerstand gegen autoritäre Normalisierung – sowie Ansätze zur psychischen Resilienz und Bündnisarbeit diskutiert.
Wichtigste Punkte & Zeitstempel
0:00 Netzwerk Polylux: Vorstellung des Netzwerks durch Jasha und Annik, das 2019 gegründet wurde, um antifaschistische und linke Projekte im ländlichen Raum Ostdeutschlands durch umverteilte Fördermitgliedschaften (aktuell über 3.000 Mitglieder) finanziell zu unterstützen.
5:50 Brandanschlag in Gardelegen: Kurz vor den Wahlen wurde ein staatlich geförderter, linker Jugendtreff in Gardelegen bei einem mutmaßlich politisch motivierten Brandanschlag zerstört.
7:00 Wahlergebnisse Sachsen-Anhalt: Die AfD erreichte 43,8 % der Stimmen; zusammen mit dem BSW zeichnet sich eine potenzielle parlamentarische Mehrheit ab, was als historische Zäsur seit 1945 gewertet wird.
9:50 Autoritäres Labor: Sachsen-Anhalt wird als Experimentierfeld für einen rechtsautoritären Umbau beschrieben, dessen Agenda und Blaupause über kurz oder lang nach Westdeutschland exportiert werden könnten.
11:50 Wählergruppen und Dialog: Differenzierung der AfD-Wählerschaft in Rechtsextreme, inhaltliche Zustimmer und politikferne Personen; empfohlen wird ein respektvoller Dialog auf Augenhöhe mit 80 % Zuhöranteil.
17:40 Strategische Handlungsempfehlungen: Der Artikel „The Days After“ nennt drei Kernsäulen für die Zivilgesellschaft: Bleiben (trotz realer Bedrohungen für Migranten und Queers), Räume halten (Infrastrukturen sichern) und Widerstehen (Haltung bewahren statt faule Kompromisse eingehen).
24:30 Bündnisarbeit & Kommunalpolitik: In der Fragerunde wird diskutiert, wie schwierige Bündnisse auf kommunaler Ebene (z. B. mit CDU oder Kirchen) wertebasiert und pragmatisch geschmiedet werden können, ohne die eigenen Ideale zu verraten.
31:20 Psychische Resilienz: Angesichts von Ohnmachtsgefühlen und Erschöpfung wird betont, dass aktives Handeln und gegenseitiger überregionaler Zuspruch aus Netzwerken helfen, der Resignation entgegenzuwirken.
36:40 Finanzierung & Transparenz: Das Netzwerk Polylux arbeitet ehrenamtlich mit unbürokratischen Förderkriterien, schließt Personalkosten aus und konzentriert sich stattdessen auf Mieten, Sachkosten und den langfristigen Immobilienerwerb von Projekträumen.
Glossar
Netzwerk Polylux: Ein zivilgesellschaftliches Netzwerk, das Spenden und Fördermitgliedschaften sammelt, um linke und antifaschistische Projekte im ländlichen Raum Ostdeutschlands finanziell und strukturell zu unterstützen. Der Name leitet sich vom Polylux ab, dem ostdeutschen Overheadprojektor.
Landtagswahl: Die Wahl zum Parlament eines deutschen Bundeslandes (hier Sachsen-Anhalt), bei der über die Zusammensetzung der Landesregierung und die Gesetzgebung auf Länderebene entschieden wird.
BSW (Bündnis Sahra Wagenknecht): Eine politische Partei in Deutschland, deren potenzielle Koalitionsoptionen und Gespräche mit der AfD im Raum stehen.
Zäsur: Ein historischer Einschnitt oder Bruch, der eine fundamentale Veränderung der politischen oder gesellschaftlichen Verhältnisse markiert.
Autoritärer Umbau: Eine systematische Veränderung staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen hin zu autoritäreren Regierungsformen unter Aushöhlung demokratischer Kontrollen und zivilgesellschaftlicher Freiräume.
Resilienz: Die psychische oder gesellschaftliche Widerstandskraft gegenüber Krisen, Belastungen, Schockmomenten und antidemokratischen Entwicklungen.