Der Vortrag beleuchtet das Konzept der Community Accountability (Gemeinschaftsverantwortung) im Kontext von Communities, Veranstaltungen und subkulturellen Räumen wie denen des Chaos Computer Clubs. Referentin Bücherwurm erörtert, wie Gemeinschaften Verantwortung für den Umgang mit sexualisierter Gewalt, Belästigung und Grenzüberschreitungen übernehmen können, ohne primär auf den staatlichen Justizapparat oder den sofortigen Ausschluss von Personen zurückzugreifen. Das Modell stützt sich auf vier Säulen: Sicherheit und Support, Werte und Praxen, die Adressierung von Täterinnen und Tätern sowie eine gesellschaftskritische Perspektive. Ergänzt wird der Vortrag durch eine ausführliche Fragerunde zur Fehlerkultur, zum Aufbau von Awareness-Strukturen und zur Selbstreflexion.
Wichtigste Punkte & Zeitstempel
0:00 Vorstellung & Kontext: Referentin Bücherwurm stellt sich vor (unter anderem als Teil von C3 Awareness und der Feminist Law Clinic) und führt in den theoretischen Rahmen der Community Accountability ein.
2:44 Vier Säulen der Verantwortung: Das us-amerikanische Konzept unterteilt Verantwortung in Safety & Support, Werte & Praxen, den Umgang mit ausübendem Verhalten sowie gesamtgesellschaftliche Machtkritik.
5:17 Awareness-Strukturen: Die Aufgaben von Awareness-Teams bei Chaos-Veranstaltungen, die parteilich für Betroffene Partei ergreifen und gesellschaftliche Machtverhältnisse berücksichtigen.
6:23 Handeln für Community-Mitglieder: Die fundamentale Bedeutung, Betroffenen bis zum Beweis des Gegenteils zu glauben und sie nicht auf ihre Opferrolle zu reduzieren.
8:00 Werte und Ansprechstrukturen: Etablierung von Vertrauen, sichtbaren Werten (z. B. durch einen Code of Conduct) und sicheren Anlaufstellen für Vorfälle innerhalb und außerhalb von Events.
11:12 Sensibilisierung: Bewusstseinsbildung für subtile Formen von Grenzüberschreitungen (Witze, Bemerkungen), Täterstrategien (Isolation, Diskreditierung) und formelle sowie informelle Machtstrukturen.
16:44 Adressierung von Ausübenden: Die Verantwortung von Community-Mitgliedern, übergriffiges Verhalten im Freundes- oder Bekanntenkreis klar anzusprechen und Aufarbeitung einzufordern.
19:00 Rolle von Cis-Männern: Beobachtungen aus Workshops zu geringen Redeanteilen von Cis-Männern und die Notwendigkeit von geschützten Austauschräumen für Männer untereinander.
21:38 Transformative Gerechtigkeit: Ein alternativer Ansatz zur Konfliktlösung, der auf Verhaltensveränderung und getrennte Support- sowie Reflexionsgruppen setzt, anstatt auf Justiz oder Dauerausschluss.
23:46 Selbstreflexion: Die Aufforderung, das eigene Verhalten und eigene Grenzverletzungen kritisch zu hinterfragen, unterstützt durch Leitfäden wie „Hilfe, ich war übergriffig. Was jetzt?“.
28:00 Q&A & Fehlerkultur: Diskussion über den Umgang mit eigenen Fehlern, Geduld im Lernprozess, den optimalen Zeitpunkt für den Aufbau von Awareness-Strukturen und die Abwägung zwischen interner und öffentlicher Aufarbeitung.
Glossar
Community Accountability: Ein sozialpolitischer Ansatz, bei dem Gemeinschaften selbst die Verantwortung für die Verhinderung und Aufarbeitung von Gewalt und Grenzüberschreitungen übernehmen, anstatt die Lösung ausschließlich an Polizei und Justiz abzugeben.
C3 Awareness: Ein ehrenamtliches Awareness-Team, das auf Veranstaltungen des Chaos Computer Clubs (C3) aktiv ist, um Betroffenen von Diskriminierung und Grenzüberschreitungen Schutz und Unterstützung zu bieten.
Feminist Law Clinic: Ein Projekt, das Rechtsberatung durch Nicht-Volljuristinnen unter der fachlichen Supervision von Volljuristinnen anbietet.
Systemische Beratung: Ein beratender Ansatz, der den Fokus auf die Wechselwirkungen, Kommunikationsmuster und Strukturen innerhalb eines sozialen Systems (wie Familien oder Organisationen) richtet.
Transformative Gerechtigkeit (Transformative Justice): Ein Konzept zur Bearbeitung von Konflikten und Gewalt, das darauf abzielt, schädigendes Verhalten durch transformative Lernprozesse zu verändern und die Sicherheitsbedürfnisse von Betroffenen zu wahren, ohne auf Bestrafung oder Ausschluss zu setzen.
FLINTA*: Ein Akronym für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen – es bezeichnet all jene, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchaler Diskriminierung ausgesetzt sind.
Cis-Männer: Männer, deren geschlechtliche Identität mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
Code of Conduct: Ein verbindlicher Verhaltenskodex einer Organisation, Community oder Veranstaltung, der erwünschte Standards und inakzeptable Verhaltensweisen definiert.