Diese Aufzeichnung einer Podiumsdiskussion aus der Reihe „Digital Fight Club“ (aufgezeichnet bei den Datenspuren in Dresden) widmet sich dem Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Polarisierung und sozialen Medien. Moderiert von Anette Refeld Staut diskutiert der Gast Prof. Dr. Philip Lorenz-Spreen (Inhaber der neu geschaffenen Professur für Computational Social Science an der TU Dresden) über die Rolle von Empfehlungsalgorithmen, die Auswertung europäischer Parlamentsdaten und innovative Lösungsansätze wie das Projekt „Bridge EU“ zur Überwindung von Spaltungen durch alternative, auf Community-übergreifenden Konsens ausgerichtete Algorithmen.
Wichtigste Punkte & Zeitstempel
0:00 Digital Fight Club: Einführung in die Veranstaltungsreihe der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, des Medienkulturzentrums Dresden, der VHS Dresden sowie weiterer Landeszentralen, aufgezeichnet im Rahmen der Datenspuren in Dresden.
3:26 Gesellschaftliche Polarisierung: Verweis auf das MIDEM-Polarisierungsbarometer 2025 der TU Dresden (basierend auf 4.400 Befragten), demzufolge 81 % der Menschen in Deutschland die Gesellschaft als gespalten wahrnehmen; Unterscheidung zwischen sachlicher (ideologischer) und emotionaler (affektiver) Polarisierung.
6:04 Vorstellung des Gasts: Prof. Dr. Philip Lorenz-Spreen stellt seine Forschung an der Schnittstelle von Kommunikationswissenschaft, Sozialwissenschaften und Komplexitätsforschung an der TU Dresden sowie das Projekt Bridge EU vor.
10:04 Soziale Kipppunkte: Historischer Rückblick von den Wendepunkten 2016 (Brexit, erste US-Präsidentschaftswahl) bis zum Jahr 2026, gekennzeichnet durch politische Radikalisierung, Tech-Oligarchen wie Elon Musk und Mark Zuckerberg sowie den Abbau von Faktencheck-Infrastrukturen.
13:45 Empirische Parlamentsanalysen: Auswertung von Postings von Abgeordneten (Members of Parliament) in vier europäischen Ländern (UK, Frankreich, Polen, Deutschland) über acht Jahre zeigt einen massiven Anstieg von „Us vs. Them“-Rhetorik, Angstmacherei und „Outrage“ (Empörung), die stark mit höheren Sharing-Raten korrelieren.
19:09 Wahlkampfdynamiken: Untersuchung des Bundestagswahlkampfs 2025 und der sprunghaften Zunahme von Followerzahlen und Sichtbarkeit populistischer Akteure (z. B. Alice Weidel) im zeitlichen Zusammenhang mit Elon Musks Aktivitäten auf X.
21:40 Wissenschaftlicher Literatur-Review: Auswertung von 500 Studien bestätigt positive Korrelationen zwischen Social-Media-Nutzung, politischer Partizipation und affektiver Polarisierung sowie negative Korrelationen zum Vertrauen in etablierte Medien und demokratische Institutionen.
24:42 Lösungsansätze & Reibung: Diskussion von Interventionen wie „Friktion“ (Verlangsamung von Teilungsprozessen durch Warnhinweise) und der Transparenzproblematik von „For You“-Feeds im Vergleich zu kommerziellen Interessen.
31:40 Bridge EU & Bridging-Algorithmen: Vorstellung des von der SPRINT und Eurosky unterstützten Ansatzes, bei dem Algorithmen nicht reine Aufmerksamkeitsmetriken maximieren, sondern Inhalte belohnen, die von unterschiedlichen Community-Clustern (ermittelt durch Community Detection im Follower-Graphen) gemeinsam getragen werden.
41:09 Q&A und Regulatorik: Debatte mit dem Publikum über Datenscraping, die Hürden und unzureichende Umsetzung des Artikels 40 des Digital Services Acts (DSA) für den wissenschaftlichen Datenzugang, Interoperabilität (AT Protocol, Bluesky, Mastodon), Bot-Erkennung sowie die Grenzen rein technischer Lösungen für gesellschaftliche Probleme.
Glossar
Computational Social Science: Ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das mithilfe computergestützter Methoden (wie Big Data, Machine Learning und Netzwerkanalyse) menschliches Verhalten und soziale Phänomene untersucht.
Affektive Polarisierung: Die emotionale Abwertung, Entfremdung und Feindseligkeit gegenüber andersdenkenden politischen Gruppen, im Gegensatz zu rein sachlichen Meinungsverschiedenheiten (ideologische Polarisierung).
Engagement-basiertes Ranking: Die algorithmische Logik von Social-Media-Plattformen, Inhalte primär nach Interaktionsmetriken (Likes, Comments, Shares, Verweildauer) zu sortieren und zu maximieren.
Bridging-Algorithmus: Ein alternativer Empfehlungsansatz, der Inhalte priorisiert, die über verschiedene gesellschaftliche oder politische Lager hinweg konsensfähig sind oder breite Zustimmung finden, anstatt spaltende Inhalte zu begünstigen.
Digital Services Act (DSA): Ein EU-Gesetz zur Regulierung digitaler Dienste, das Online-Plattformen zu strengerer Transparenz verpflichtet und in Artikel 40 einen geregelten Datenzugang für die wissenschaftliche Forschung vorsieht.
AT Protocol: Ein dezentrales Open-Source-Netzwerkprotokoll (u.a. Basis für Bluesky), das Interoperabilität und den unkomplizierten Wechsel des sozialen Netzwerks zwischen verschiedenen Apps ermöglicht.
SPRINT (Bundesagentur für Sprunginnovation): Eine deutsche Bundesagentur zur Förderung radikaler, bahnbrechender Innovationsprojekte mit hohem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformationspotenzial.
Community Detection: Ein datenwissenschaftliches Verfahren zur automatischen Identifizierung von dicht vernetzten Gruppen oder Clustern innerhalb komplexer Netzwerke (z. B. Follower-Graphen).
Interoperabilität: Die technische Fähigkeit verschiedener Systeme, Plattformen oder Netzwerke, nahtlos miteinander zu kommunizieren und Daten auszutauschen, um Monopolstrukturen aufzubrechen.