Kürzlich im Rahmen einer Klage des US-Bundesstaates Massachusetts gegen ExxonMobil veröffentlichte interne Dokumente belegen, dass das Unternehmen bereits seit den späten 1980er Jahren die Risiken des Klimawandels kannte und strategische Maßnahmen zur Wahrung seiner fossilen Geschäftsinteressen einleitete. Die Akten offenbaren, dass Exxon-Wissenschaftler öffentlich beworbene Vorhaben zu Algen-Biokraftstoffen intern als „vollkommen unmöglich“ und „patent falsch“ einstuften sowie die kommerzielle Skalierbarkeit der CO₂-Abscheidung und -Speicherung (CCS) anzweifelten. Trotz dieser internen Bedenken betrieb das Unternehmen aggressive PR-Kampagnen zur Imagepflege, während es gleichzeitig eine Ausweitung seiner Öl- und Gasproduktion um mehr als 15 Prozent bis 2030 anstrebt.
Key Points
Internes Memorandum von Frank Sprow (1988): Ein im November 1988 verfasstes internes Dokument skizzierte eine Strategie zur Überwachung der Klimaforschung, um den Wert der fossilen Ressourcen (Öl, Gas, Kohle) zu schützen und Geschäftsoptionen abzusichern.
Täuschung bei Algen-Biokraftstoffen: Ein Exxon-Wissenschaftler bestätigte in einer Zeugenaussage, dass die in einer Pressemitteilung von 2018 genannte Zielvorgabe von 10.000 Barrel Algen-Biokraftstoff pro Tag bis 2025 „patent falsch“ und „völlig unmöglich zu erreichen“ war.
Technologische Sackgassen als PR-Erfolge: Interne Berichte zeigten, dass als Durchbrüche gefeierte Entwicklungen im Bereich Algen-Kraftstoffe intern als Sackgassen klassifiziert wurden, aber dennoch zu den leistungsstärksten Werbekampagnen des Konzerns gehörten.
Hürden bei Carbon Capture and Storage (CCS): Präsentationen aus den Jahren 2014 und 2017 verdeutlichten, dass eine flächendeckende CCS-Implementierung massive Investitionen, Speicherraten auf dem Niveau der aktuellen Öl- und Gasproduktion und fehlende Marktanreize erfordert hätte.
Koordinierte Lobbyarbeit (API): Ein Memo über ein Treffen der American Petroleum Institute (API) aus dem Jahr 1997 belegt gemeinsame Anstrengungen zur Infragestellung wissenschaftlicher Grundlagen, zur Verhinderung politischer Kompromisse und zur Finanzierung marktwirtschaftlicher Think-Tanks wie dem Competitive Enterprise Institute (CEI).
Fokus auf fossile Expansion: Trotz klimapolitischer Bekenntnisse investierte Exxon den Hauptteil seiner Mittel in das traditionelle Geschäft und plant eine Produktionssteigerung bei Öl und Gas von über 15 Prozent bis 2030.
Diskussions-Highlights
Infragestellung strafrechtlicher Konsequenzen: Kommentatoren argumentieren, dass aufgrund der begrenzten Haftung von Aktiengesellschaften („Corporate Veil“) und der Streuung von Verantwortung auf Aktionäre und Führungsebenen keine realen juristischen Strafen oder Gefängnisstrafen für Entscheidungsträger zu erwarten sind.
Mitverantwortung von Verbrauchern und Politik: Mehrere Diskutanten werfen die Frage auf, ob fossile Konzerne allein haftbar gemacht werden können, da die Gesellschaft jahrzehntelang von billiger Energie und durch Stickstoffdünger geförderter Massenlandwirtschaft profitierte und Konsumenten sowie Politiker die Nachfrage aufrechterhielten.
Rolle von CCS bei Enhanced Oil Recovery (EOR): Kritiker weisen darauf hin, dass ein erheblicher Teil der betriebenen CCS-Projekte primär dazu dient, CO₂ in ausgebeutete Lagerstätten zu pressen, um die herkömmliche Erdölförderung zu maximieren, womit CCS eher der Profitmaximierung als dem Klimaschutz diene.
Parallelen zur Tabakindustrie: Mehrere Nutzer ziehen Parallelen zum in dem Buch „Merchants of Doubt“ beschriebenen Playbook, bei dem Industrieakteure durch gezielte Finanzierung von Skeptikern und Instrumentalisierung von Experten den wissenschaftlichen Konsens systematisch verwässerten.
Kritik an aktivistischer Alarmierung: Einzelne Stimmen bemängeln, dass radikaler Aktivismus („Boy who cried wolf“-Effekt) der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft geschadet habe und komplexe systemische Energieprobleme oft auf rein moralische Unternehmensschuld reduziert werden.
Glossar
ExxonMobil: Ein multinationaler US-amerikanischer Erdöl- und Erdgas-Konzern, der im Zentrum mehrerer US-amerikanischer Klimaklagen steht.
Carbon Capture and Storage (CCS): Technologie zur Abscheidung von Kohlenstoffdioxid (CO₂) aus industriellen Abgasen und dessen dauerhafte unterirdische Einlagerung.
Enhanced Oil Recovery (EOR): Verfahren zur gesteigerten Erdölförderung, bei dem Kohlendioxid in bestehende Ölfelder gepresst wird, um restliches Erdöl an die Oberfläche zu fördern.
Algen-Biokraftstoff: Aus Mikroalgen hergestellter Kraftstoff, der von Exxon als nachhaltige Alternative zu Erdöl erforscht und beworben, intern jedoch als wirtschaftlich und technisch unskalierbar bewertet wurde.
American Petroleum Institute (API): Der wichtigste US-amerikanische Lobby- und Branchenverband der Erdöl- und Erdgasindustrie.
Corporate Veil (Haftungsbeschränkung): Ein Rechtskonzept, das Aktionäre und Manager vor persönlicher zivil- oder strafrechtlicher Haftung für die Vergehen des Unternehmens schützt.
Competitive Enterprise Institute (CEI): Ein marktorientierter US-amerikanischer Think-Tank, der in der Vergangenheit klimaskeptische Positionen vertrat und von fossilen Energiekonzernen finanziert wurde.